Group 3921 Prostitution – Blog

Freundinnen junger Mädchen

Wie eine progressive Fraueninitiative gegen Mädchenhandel etwas schuf, das bis heute Bestand hat. Dies ist der zweite Teil unserer Serie über Prostitution.

Die Geschichte der Prostitution ist lang, komplex, vielfältig und gespickt mit Männerphantasien. Sicher ist: Die Prostitution ist nicht das älteste Gewerbe der Welt, sondern kam und kommt in unterschiedlichen Ausprägungen vor. Zum Massenphänomen wurde sie erst im Zuge der Industrialisierung. Auf Grund der Verarmung und der Verelendung weiter Teile der Bevölkerung, die das traditionelle Leben auf dem Land aufgaben, um in den neu geschaffenen Fabriken eine Arbeit zu finden, entwickelte sich im 19. Jahrhundert in Grossstädten eine Armutsprostitution ungekannten Ausmasses.

Zum Problem wurde die Prostitution für die Gesellschaft aber nicht wegen den damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen der betroffenen Frauen, sondern weil der Syphiliserreger keinen Unterschied zwischen armen und reichen Freiern machte. Viele der verheiratete Freier steckten sich bei Prostituierten an und gaben den Erreger in der Folge nicht nur an andere junge Prostituierte weiter, sondern zu Hause auch an ihre Ehefrauen.

Im 19. Jahrhundert existierte noch kein zuverlässliger Schutz gegen Geschlechtskrankheiten. Und die Liste der durch Syphilis (Lues) verursachten Krankheiten ist lang, von Unfruchtbarkeit, über Taubheit und Geisteskrankheit bis zum frühen Tod.

«Die Freundinnen junger Mädchen sind 1886 aus einer weltumspannenden Frauenbewegung heraus entstanden, die sich gegen Mädchenhandel einsetzte»

Lynn Blattmann

Auf diesen Umstand reagierte auch die Frauenbewegung, die im ausgehenden 19. Jahrhundert massgeblich von bürgerlichen Frauen aus den Städten getragen wurde. Oft wurde moralisch argumentiert und die Prostituierten wurden zu unsittlichen Täterinnen gemacht, die ehrbare Ehemänner verführten. Viele Frauen erkannten aber bereits damals die Not ihrer Geschlechtsgenossinnen in der Prostitution und versuchten ihnen mit konkreten Hilfsangeboten den Ausstieg aus der Prostitution zu ermöglichen. Die meisten dieser engagierten Frauen arbeiteten ehrenamtlich und leisteten nicht nur Pionierarbeit der praktischen Sozialarbeit von Frauen für Frauen, sondern finanzierten und bauten auch Mädchenpensionen auf, damit neuankommende junge Frauen vom Land nach ihrer Ankunft in den grossen Städten nicht in falsche Hände gerieten.

Das Hotel Alma im Zürcher Seefeld ist eine solche ehemalige Mädchenpension. Es gehört der Nachfolgeorganisation der Freundinnen Junger Mädchen (Compagna), die sich bis heute dafür einsetzt, dass ausstiegswillige Prostituierte unbürokratisch zu einem Job im Hotel kommen und sich aus eigener Kraft aus der Armut herausarbeiten können.

Lynn Blattmann ist Co-Präsidentin und Autorin bei Geschlechtergerechter.

11.08.2025

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Mehr dazu lesen Sie in «Das Fräulein vom Bahnhof, der Verein Freundinnen junger Mädchen in der Schweiz.» von Esther Hürlimann, Ursina Largadier und Luzia Schoeck. Das Buck erschien 2021 im Hier und Jetzt Verlag.

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