Prostitution wird zum Massenphänomen
Zum Massenphänomen wurde die Prostitution erst während der Industrialisierung, vor allem in grösseren Städten. Diese Entwicklung steht in direktem Zusammenhang mit der Armut. Viele Frauen, die in den Städten eine Arbeit suchten, verfügten über keine Ausbildung und wurden so schlecht bezahlt, dass es nicht zum Leben reichte. Aus Not hielten sie sich mit der Prostitution über Wasser. Die Männer aus der bourgeoisen Oberschicht profitierten vom Schutz der Anonymität der Städte und liessen das Prostitutionsgewerbe in einem nie gesehenen Ausmass erblühen. Diese Entwicklung führte die sich prostituierenden Frauen jedoch selten aus der Armut, sondern brachte neben sozialem auch gesundheitliches und psychisches Elend über sie.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Prostitution in vielen Ländern zum Politikum. Man versuchte sie gesetzlich zu regulieren. Dabei spielten die soziale Stigmatisierung und moralische Überlegungen ebenso eine Rolle wie gesundheitliche Aspekte, denn durch die boomende Prostitution verbreiteten sich die Geschlechtskrankheiten, die in vielen Fällen tödlich verliefen. Zudem trugen die Männer Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhö oder Syphilis in ihre Familien. Die Ehefrauen der Freier wurden angesteckt und die Geschlechtskrankheiten der Eltern führten zu Unfruchtbarkeit, Missbildungen und Behinderungen bei Kindern.
In England entstand ab den 1870er Jahren rund um Josephine Butler eine internationale Frauenbewegung, die die moralische Stigmatisierung der Prostituierten hinterfragte und die Prostitution als Armuts- und Ausbeutungsproblem entlarvte.
Verbote bringen noch mehr Elend und Gewalt
Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden Bordelle vielerorts behördlich verboten. Damit war jedoch nichts gewonnen, im Gegenteil. Für die Prostituierten begann eine noch härtere Zeit, denn es setzte die Strassenprostitution ein. Auf der Strasse waren die Frauen nicht nur kriminellen Zuhältern ausgeliefert, sondern auch der Willkür der Polizei und den Zumutungen der Freier.
Im Zuge der internationalen Migration veränderte sich die Herkunft der Frauen. Sie kommen zunehmend aus ärmeren Ländern Asiens, aus Mittel- und Südamerika oder Afrika und werden in die Prostitution gedrängt. Sie stammen meist aus armen Verhältnissen, finden sich dann aber in Europa in ebenso prekärer Situation wie im Herkunftsland wieder. Viele von ihnen hofften in der reichen Schweiz die Chance auf einen finanziellen Aufstieg zu erhalten, sind aber vor Ort oft mit Knebelverträgen und anderen unfairen Machenschaften konfrontiert. Ausbeutung, Frauenhandel und Gewalt sind im Sexgewerbe an der Tagesordnung. Auch ist die aufenthaltsrechtliche Situation der betroffenen Frauen oft unsicher, was dazu führt, dass viele schwere Straftaten, die durch Zuhälter, Freier oder Schlepper begangen werden, nie geahndet werden können.
Mit dem Massentourismus begannen westliche Freier, Prostitutionsangebote in armen Ländern Asiens zu konsumieren.
Ab den 80er Jahren kam der Massentourismus auf. Mit ihm verlagerte sich die Nachfrage der Freier auch in wenig entwickelte Länder Asiens und Afrikas. Die Globalisierung der Prostitution führte zu einer erneuten Deregulierung, da internationale Rechtsdurchsetzungen äusserst selten blieben, dies führte zu viel sozialem Elend in den betroffenen Staaten.
Im Ausland kommt es kaum zu Straffverfolgungen im Falle von Kinderprostitution und anderen Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Prostitution. Gewalttätige Freier und Kinderschänder haben daher auch wenig zu befürchten.
Die Rollenverteilung in der Prostitution hatte sich trotz allen gesellschaftlichen Veränderungen in den vergangenen Dekaden kaum verändert. Zwar gab es neben der heterosexuellen Prostitution immer auch homosexuelle Prostitution, dennoch traten Frauen weder früher noch heute in relevanter Zahl als Freierinnen auf.
Digitalisierung stellt Prostitution erneut auf den Kopf
Mit der Digitalisierung verändert sich auch die Prostitution. Die Vermittlung zwischen Freier und Prostituierten erfolgt zunehmend über online-Plattformen und spezialisierten Webseiten, was die soziale Kontrolle deutlich verringert. Ausserdem verwischen sich die Grenzen zwischen Prostitution und Pornografie. Grosse Pornoportale stellen heute ein nie gekanntes Ausmass an Pornografie ins Netz, das von einer breiten Bevölkerungsschicht, inklusive Kindern, leicht zugänglich ist und konsumiert werden kann.
Auch durch die boomenden Dating Apps verschieben sich die Grenzen zwischen freiem Dating und Prostitution. Verschlüsselte Messaging-Dienste ermöglichen nicht nur eine diskretere Kommunikation, sondern bieten auch einen geschützten Raum für verbale Übergriffe, Beleidigungen, Erpressungen und andere Straftaten.
Die Digitalisierung veränderte die Arbeitsformen in der Prostitution tiefgreifend. Webcam-Modelle und Intim-Content wie beispielsweise auf dem Portal OnlyFans stärken die Wichtigkeit der Visualisierung. Durch spezialisierte Escort-Seiten mit Bewertungssystemen kann auf Frauen massiv Druck ausgeübt und deren öffentliche Herabwürdigung durch anonyme Freier erleichtert werden.
Für gut ausgebildete technikaffine sich prostituierende Frauen und Männer bietet die Digitalisierung mehr Möglichkeiten für selbständiges Arbeiten ohne Zuhälter. Dadurch entstand ein Markt für virtuelle Prostitution in Onlinewelten und durch Virtual Reality. Aber diese Fortschritte wiegen die Nachteile der Veränderung der Prostitution durch die Digitalisierung in keiner Weise auf.
Lynn Blattmann ist Co-Präsidentin und Autorin bei Geschlechtergerechter.