Manosphere1 Kolumnen

Die Sphäre voller Männer: Eine kurze Einführung in die Manosphere

Die sogenannte Manosphere bietet jungen Männern einfache Antworten auf schwierige Gefühle. Wer sich einsam, abgelehnt oder machtlos fühlt, bekommt dort nicht nur Bestätigung, sondern auch ein Feindbild: Frauen.

Der Begriff “Manosphere” ist ein Sammelbegriff für ein loses Netzwerk von meist im Internet angesiedelten Gruppierungen, die sich für “Männer-themen” einsetzen und anti-feministische Positionen vertreten. Die Manosphere ist ein globales Phänomen und wird wiederholt mit gewalttätigen Ereignissen - online wie auch offline - in Verbindung gebracht.

Mitglieder sind - wie der Name auch sagt - ausschliesslich Männer. Sie sehen sich in der aufkommenden (feministischen) Gesellschaftsordnung als Verlierer. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich: Von (vermeintlich) harmlosen rechtlichen Beratungsstellen für Männer, Fitness-Influencern, die die “Rückkehr der wahren Männlichkeit” propagieren, über Flirt-Unterricht und Manipulationstechniken, bis hin zu offenen Aufrufen zu Gewalt gegen Frauen sowie tatsächlich verübten Attentaten und Feminiziden.

Die Manosphere beinhaltet verschiedene Subgruppen. Obwohl sich diese leicht in ihren Ideologien unterscheiden, verbindet sie alle den Glauben an eine cis-männliche Überlegenheit (male supremacism), die die Unterdrückung von Frauen*, Transpersonen und nicht-binären Menschen legitimiert.

Eine Reaktion auf Gleichberechtigung

Das Aufkommen der Manosphere muss man als Reaktion auf den Feminismus im Westen und die voranschreitende Gleichstellung der Geschlechter verstehen. Dabei lautet das Narrativ, dass der Mann der Frau von Natur aus überlegen ist, der Feminismus die Männer aber ihrer Rechte beraubt und zu Opfer der emanzipierten Gesellschaft gemacht hat.

Der Manosphere liegt keine neue Ideologie zugrunde, sondern speist von tief verankerten patriarchalen Gesellschaftsstrukturen. Die Kernideen der Manosphere sind lediglich die radikale Zuspitzung weit verbreiteter und ‘normaler’ Denkmuster.

Dazu gehört zum Beispiel die “male loneliness epidemic”, also die Tatsache, dass Männer tendenziell weniger Freundschaften pflegen und emotional stark von ihren romantischen Beziehungen zu Frauen abhängig sind. Anstatt, dass eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit Männlichkeitsidealen stattfindet, findet allzu oft ein Rückzug in die Manosphere statt – wo den Frauen die Schuld für die männliche Vereinsamung gegeben wird. Solche Deutungen reproduzieren patriarchale Geschlechterrollen und blockieren echte Lösungen.

Die Landschaft der Manosphere

Man kann die Manosphere grob in fünf Untergruppen einteilen: Nebst den bekannteren misogynen involuntary celibates (Incels) und den Pick-Up-Artists wie Andrew Tate werden auch die Men’s Rights Activists (MRAs) und die Men Going Their Own Way (MGTOW) dazugezählt. Gewissermassen gehören auch die sogenannten Manfluencer dazu, die anderen Männer dazu verhelfen wollen, ihr Alpha-Mann Potenzial auszuschöpfen, etwa in boot-camps für Männer.

Zum Dunstkreis der Manosphere gehören auch rechtsextreme Parteien, Gruppierungen und Einzelpersonen. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene erscheint dies zunächst als weltweiten (politischen) Rechtsruck. Politiker wie Donald Trump tragen dazu bei, dass das Gedankengut der Manosphere (wieder) salonfähig wird. Nicht nur in den USA werden Wahlkämpfe mit traditionellen Männlichkeitsvorstellungen gewonnen: Auch Europas Rechtspopulisten machen mit der «Rückkehr zur Männlichkeit» und Anti-Feminismus Politik.

Die verschiedenen Strömungen der Manosphere verbindet alle einen Frauenhass und eine Nostalgie für eine weniger feministische Epoche.

Anais Treadwell

Die verschiedenen Strömungen der Manosphere verbindet alle einen Frauenhass und eine Nostalgie für eine weniger feministische Epoche. Wie diese Haltungen konkret aussehen, zeigt der Blick auf die wichtigsten Strömungen innerhalb der Manosphere.

Men’s Right’s Activists (MRAs)

Seite an Seite mit den Feministinnen der 1970er-Jahren kämpften die ersten Männerrechtsaktivisten für die Befreiung des Mannes von traditionellen Geschlechterrollen. Feministische Werte sahen sie damals keineswegs als Bedrohung, sondern als Win-win-Situation für alle.

Doch mit der fortschreitenden rechtlichen und gesellschaftlichen Emanzipation der Frauen schlug der anfängliche männliche Emanzipationsanspruch in Ressentiment um. Die Männerrechtsaktivisten positionierten sich fortan als Gegenbewegung zum Feminismus und argumentierten, dass die Gleichstellung von Mann und Frau erreicht sei. Vielmehr seien mittlerweile Männer die Unterdrückten, ihre Leiden und Benachteiligungen zeigten sich durch höhere Suizidraten, Wehrdienstpflicht und bei Sorgerechtsauseinandersetzungen nach Scheidungen.

Men Going Their Own Way (MGTOWs)

Eine weitere Gruppe sind die «Männer, die ihren eigenen Weg gehen»: Deren antifeministische Anstrengungen richten sich im Unterschied zu anderen Gruppierungen eher nach innen als nach aussen. Sie verfolgen einen Weg des männlichen Separatismus und verzichten freiwillig auf Beziehungen mit Frauen.

Dabei wird innerhalb der Bewegung zwischen unterschiedlichen Stufen der Selbstisolation unterschieden: Einige pflegen freundschaftliche Beziehungen zu Frauen, andere beschränken sich auf One-Night-Stands, andere leben vollständig enthaltsam und ziehen sich auch sonst aus der Gesellschaft zurück – sie werden als “Going Monk” bezeichnet.

Feministische Bewegungen wie etwa die MeToo-Bewegung werden von den MGTOWs als Beweis dafür betrachtet, dass Männer unfairerweise für ihr Mann-Sein bestraft werden. Obwohl sie weniger zu Gewalt neigen als andere Subgruppen der Manosphere, vertreten auch sie sehr misogynes Gedankengut.

Pick-up Artists (PUAs)

Die Pick-Up-Artists (direkt übersetzt: Abhol-Künstler) sind gewissermassen das Gegenteil der MGTOWs. Ihr Verhältnis zu Frauen interpretieren sie als ein Spiel, welches es zu gewinnen gilt: Mit einer Vielzahl von selbst entwickelten Strategien und Manipulationstechniken versuchen sie, die (sexuelle) Selbstbestimmung von Frauen zu überlisten und sie schliesslich zur “Zustimmung” in eine sexuelle Beziehung zu bewegen.

Gemäss ihrer Auffassung sind Frauen, gleich wie Roboter, evolutionsbedingt darauf ‘programmiert’, gewisse Dinge zu mögen. Frauen wird ihre Individualität abgesprochen, für PUAs sind sie keine Personen mit unterschiedlichen Wünschen, Grenzen und Persönlichkeiten. Sie gelten als vorhersehbare und oberflächliche Wesen, deren Entscheidungen ein Mann durch zu erlernende Strategien und Techniken zuverlässig steuern kann.

Mittlerweile hat sich ein internationaler Markt etabliert, der Umsatz im Wert von rund 100 Millionen US-Dollar generiert und auf dem PUAs ihr vermeintliches Wissen über Verführung in Bootcamps, Social-Media-Videos, Büchern, durch Personal Trainer und vieles mehr «an den Mann» bringen.

Misogyne Incels

„Incel“ steht für „involuntary celibate“, - „unfreiwillig zölibatär“. Der unterdessen zweckentfremdete Begriff entstand 1997, als eine Studentin eine Online-Plattform für den Austausch über die Einsamkeit und Schwierigkeit bei der Partnersuche errichtete. Was ursprünglich als unterstützendes Netzwerk gedacht war, radikalisierte sich über die Jahre und ist inzwischen von Nihilismus und Frauenhass geprägt.

Wie alle anderen Gruppen der Manosphere glauben auch die Incels, dass ihnen der „natürliche Anspruch“ auf eine Partnerin genommen wurde, weil Frauen durch den Feminismus grössere Selbstbestimmung erlangt haben. Frauen seien wählerisch geworden und würden laut der sogenannten „80-20-Regel“ nur die attraktivsten zwanzig Prozent der Männer begehren. Der Rest der Männer gehe leer aus – so auch die Incels, die von sich selbst glauben, in der “genetischen Lotterie” verloren zu haben. Dies verdamme sie zu einem Leben ohne Sex und Liebe.

Diese Opferhaltung und der eigene Selbsthass sondert die Incels vom Rest der Manosphere ab, da sie die Gesellschaft und die Frauen für deren Oberflächlichkeit verantwortlich machen, weil diese ihre Partner nur aufgrund des Aussehens auswählen würden.

Als Incel hat man im Grunde zwei Optionen: Das eigene Schicksal zu akzeptieren oder sich an der Gesellschaft rächen. Auf Internetforen von Incels wird Suizid oft als einziger Ausweg dargestellt und dazu ermutigt. Der Hass der Incels manifestiert sich in Gewalt, die sich gegen sich selbst oder an andere richtet. So wurde beispielsweise der Anschlag im kalifornischen Isla Vista von einem bekennenden Incel gegangen, der seine Tat damit rechtfertigte, dass Frauen ihm Sex vorenthalten hätten.

Anaïs Treadwell ist Autorin bei Geschlechtergerechter

27.01.2026