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Kinderfreiheit als Lebensmodell

Gewollte Kinderlosigkeit - Erkenntnisse und Einordnungen über die Entscheidung von Frauen und Männern für ein Leben ohne Kinder

Das Wort Kinderfreiheit umschreibt eine gewollte Kinderlosigkeit. Eine Lebensrealität, die zu polarisieren scheint. Gewollte Kinderlosigkeit ist zwar eine individuelle Entscheidung, löst aber einen gesellschaftlichen Diskurs aus. Warum ist dies so und wer entscheidet sich für ein Leben ohne Kinder?

Kinderfrei, nicht kinderlos

Die Begriffsklärung vorweg: In vielen Studien wird von Kinderlosigkeit gesprochen. Sie ist für die betreffenden Personen oft eine grosse Belastung und nicht Ausdruck einer freien Entscheidung. Bei freiwillig kinderlosen Menschen ist der Begriff Kinderfreiheit deshalb vorzuziehen. Der Begriff stellt die individuelle Wahl ins Zentrum. International, aber auch in der Schweiz, hat sich zum Thema Kinderfreiheit eine Community formiert, in der offen über das Thema gesprochen wird und dieser Lebensentwurf nicht nur erzählt, sondern auch zelebriert wird. Diese Gemeinschaften richten sich schwerpunktmässig an Frauen. Männer, die freiwillig kinderlos sind, sind weniger sichtbar und scheinen sich seltener in Communities zu organisieren.

Die Zahlen

Gemäss einer Analyse des Bundesamtes für Statistik wünschen sich in der Schweiz gut 16 Prozent der Frauen, kinderfrei zu bleiben. Bei den Männern ist der Anteil mit knapp 18 Prozent etwas höher. Lange ging man in der Forschung davon aus, dass vor allem die Rahmenbedingungen den Entscheid für eine gewollte Kinderlosigkeit massgeblich beeinflussen. Eine in Deutschland durchgeführte nicht-repräsentative Studie mit 1'600 Frauen revidiert diese Annahme aber. Die in der Studie beleuchteten Gründe für Kinderfreiheit sind durch mehrere Faktoren zu begründen, die in gegenseitiger Wechselwirkung stehen.

In der Schweiz wünschen sich knapp 16 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer kinderfrei zu bleiben.

Die Gründe der Frauen

Die in der Studie befragten Frauen geben vielschichtige Gründe an, warum sie keine Kinder bekommen möchten. Rahmenbedingungen, wie das Fehlen eines geeigneten Partners (8 Prozent) oder kinderfeindliche gesellschaftliche Bedingungen (21 Prozent) sind aber eher sekundär. Im Vordergrund standen für die Befragten persönliche Faktoren wie zum Beispiel die grösseren Möglichkeiten nach Selbstverwirklichung (80 Prozent), mehr Freizeit (82 Prozent) oder finanzielle Vorteile (64 Prozent). Aber auch gesellschaftliche Auswirkungen wie der ökologische Fussabdruck (47 Prozent) oder das Bevölkerungswachstum (53 Prozent) sind Faktoren, die eine wichtige Rolle spielen (Heuschkel & Rahnfeld, S.103ff).

Kinderfrei wunschlos glücklich?

Der Entschluss für oder gegen Kinder erfolgt über die gesamte Spanne eines Lebens. Carl (2002, S.128) unterscheidet kinderfreie Frauen und Männer nach drei unterschiedlichen Typologien:

  • Die Frühentscheider*innen, die bereits mit 25 Jahren wissen, dass sie die Elternrolle nicht wahrnehmen wollen.
  • Die Spätentscheider*innen, die den Kinderwunsch nach hinten schieben und ihn zwischen 30 und 35 loslassen.
  • Die Aufschieber*innen, deren Kinderwunsch sich immer weiter nach hinten schiebt. Ab dem 40. Lebensjahr erlangt diese Gruppe Klarheit darüber, dass sie ihr Leben ohne Kinder führen wird, obwohl der Entscheid für Kinderfreiheit keine bewusste Handlung war.

Kinderfreie Menschen haben anderen Lebensentwürfen den Vorzug gegeben. Nicht immer haben diese Entscheidungen bewusst mit Streben nach Glück zu tun. Oft sind sie auch einfach ein Ausdruck von Prioritäten.

Der Kinderwunsch, der nie kam

Gerade bei Frauen wird der Entscheid für Kinderfreiheit von der Gesellschaft oft in Frage gestellt. Im Zusammenhang mit diesem drängt sich für viele auch das Thema der freiwilligen Unfruchtbarkeit auf. Gibt man den Begriff in eine gängige Suchmaschine ein, erscheinen vor allem Inhalte über ungewollte Unfruchtbarkeit. Personen, die sich jung sterilisieren lassen möchten, wird aber von Seiten des Gesundheitssystems oft mit Unverständnis begegnet, vor allem wenn sie weiblich sind. Erfahrungsberichte zeigen: Es wird vielen Frauen gesagt, der Kinderwunsch stelle sich zu einem späteren Zeitpunkt ein und sie sollen mit diesem endgültigen Eingriff zuwarten. Auch weil die Entscheidung, anders als bei Männern, definitiv ist.

Und die Männer?

Wie eingangs erwähnt, entscheiden sich auch viele Männer für einen kinderfreien Lebensentwurf. Eine repräsentative Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stellte fest, dass auch Männer vielschichtige Gründe für ihren Entscheid haben. Sie geben ebenfalls Freizeit, die berufliche Situation oder ihre Finanzen als Begründungen an. Die Studie kann in einer allgemeinen Betrachtung keine massgeblichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen, eine Differenzierung nach Alter hingegen schon. So geben junge Männer bis 30 Jahre ihre beruflichen Perspektiven deutlich weniger oft als Grund für Kinderfreiheit an. Die meisten von ihnen gehen davon aus, dass vor allem die Mütter die Versorgung der Kinder übernehmen und sie daher keine beruflichen Einschränkungen zu erwarten haben. Das Geschlechterrollenbild, wonach sie vor allem das Haupteinkommen erzielen müssen, setzt sie aber in Bezug auf die Kinderfrage unter Druck.

Die sogenannte K-Frage

Ob Menschen sich gegen Kinder entscheiden und die sogenannte K-Frage mit «Nein» beantworten, hängt letztlich von vielfältigen und vor allem individuellen Faktoren ab. Dennoch bestimmen gesellschaftliche Normen, wie mit dieser individuellen Entscheidung umgegangen wird. Gewollt kinderfreie Frauen erleben oft, dass ihr Entscheid in Frage gestellt wird, während Kinderfreiheit bei Männern oft als Ergebnis eines selbstbestimmten und natürlichen Entscheidungsprozesses wahrgenommen wird. Beide Geschlechter werden von ihrem Umfeld aber auf einen allfällig später empfundenen Verlust durch Kinderfreiheit angesprochen. Dies lässt darauf schliessen, dass Kinderfreiheit gesamtgesellschaftlich immer noch als Abweichung von der Norm wahrgenommen wird. Wer entscheidet sich für aber ein kinderfreies Leben? Menschen, die über eine zentrale Frage nachgedacht und die Antwort, trotz gesellschaftlicher Vorbehalte, nicht gescheut haben.

Text von Saphir Ben Dakon, sie ist Autorin bei Geschlechtergerechter.

22.07.2025