Poor Things

Poor Things

Der Oscar Anwärter „Poor Things“ von Giorgos Lanthimos spaltet die Meinungen von Kinobesucher:innen dramatisch. Ein kurzer Abriss über den moralischen Drahtseilakt.

Poor Things ist eine weibliche Frankenstein Monster-Geschichte, die auf dem Roman von Alasdair Gray aus dem Jahr 1992 basiert. Es geht um Bella Baxter (Emma Stones), die Laborschöpfung des zurückgezogen lebenden Dr. Godwin „God“ Baxter (Willem Dafoe). Der Wissenschaftler hat die Leiche einer schwangeren, unglücklich verheirateten viktorianischen Frau geborgen, die Selbstmord beging, und dann ihr beschädigtes Gehirn durch das noch lebende Gehirn ihres Babys ersetzt. Das alles spielt in einer Welt mit bunter, retro-futuristischen Steampunk-Ästhetik, eingebettet in surrealen Landschaften. (Ja, es ist genauso schräg, wie es klingt) Bella besitzt also die Mentalität eines Kindes, hat aber gleichzeitig den Körper einer erwachsenen Frau. Unter Baxters Führung beginnt sie die Welt um sich herum (ein zweites Mal) zu entdecken.

Poor Things ist unglaublich absurd, extravagant, mutig und spielt mit moralischen Grenzen auf einem unvorstellbar hohen Niveau.

Das es sich bei Poor Things um einen einzigartigen Film handelt, zeigt schon nur der Titel. Der Diskurs, der dazu neigt, Frauen als die „armen Dinger“ (engl. „Poor Things“) zu bezeichnen, wird klar abgelehnt. Denn in Poor Things wird die triumphale Reise von Bella Baxter gefeiert, die sich vollkommen ohne Scham durch die Welt bewegt, während die Männer in ihrem Leben wegen mangelnder Kontrolle über sie toben. Am liebsten wollen sie alle Bella gleich einsperren –die titelgebenden „armen Dinger“ sind dann doch eher die Männer, wenn sie sich in ihrer besitzergreifenden Verliebtheit doch nur der Lächerlichkeit preisgeben. Somit wird Poor Things zu einem emanzipatorischen Klassiker: Eine Frau strampelt sich von den männlichen Klammeraffen frei. Das Resultat ist eine ermutigende, sowie auch verstörende Selbstfindung einer jungen Frau in einer tief patriarchalen Welt.

Die einzige Bedrohung für Bella Baxters Freiheit ist die Art und Weise, wie einzelne Männer immer wieder versuchen, sie in Plüschvillen einzusperren.

Von der Minute an, in der Bella die Masturbation am Esstisch entdeckt und sie diese dann einem schrulligen Dienstmädchen empfiehlt (Bella discover happy when she want!), startet ihre emanzipatorische Reise der Selbstentdeckung. Glücklich sein, wann immer sie will: Bella lebt ihre ausgeprägte Libido mit viel Begehren, Wille, Interesse und Leidenschaft aus.

Diese Libido wird im Film aber ein wenig plump dargestellt, nämlich das Frau ein unstillbares Verlangen nach Sex hat, und das ständig. Damit unterstreicht „Poor Things“ leider einer der ältesten Missbrauchsmythen: Gerade in der Frauenbefreiungsbewegung der 70er Jahre wurde oft das Stigma verbreitet, das sexuelle Befreiung im Wesentlichen bedeute, niemals Nein zu sagen. Den Männern scheint es übrigens auch gleichgültig zu sein, dass Bella mental ein Kind/Teenager ist. Auch die Darstellung von Bellas Arbeit in einem Bordell ist in Grossbritannien unter Filmkritiker:innen umstritten.

Gleichzeitig (und das macht es moralisch problematisch, aber auch spannend) ist Poor Things ein Film über weibliche Lust, in dem Männer wie weggeworfene Kondome portraitiert werden, fast Relikte ausdrucksloser Transaktionen, welche immer wieder scheitern, die Kontrolle über Bella zu erlangen.

“Bella is completely free and without shame about her body. Sex is obviously a huge part of her experience and her growth, as it is, I think, for most people in life.”

Emma Stones BBC Radio 4, 2024

Poor Things springt von einem geschlechtsspezifischen Drahtseilakt zum nächsten und löste bei mir im gleichen Atemzug Empowerment, aber auch Unwohlsein im Kinosessel aus.

Oft wollte ich gar nicht richtig hinsehen, so sehr verstört die Disharmonie von Bellas Geist und Körper, die vielen Sexszenen fühlen sich oft moralisch „falsch“ an. Immer wieder hatte ich gar Angst um Bella, (durch die brillante schauspielerische Leistung von Stones schliesst man Bella sofort ins Herz) dass sie es doch nicht schafft sich von den besitzergreifenden Männern zu lösen. Doch Bella gelingt es permanent, ihren eigenen Weg zu finden. Das ist vielleicht das Surrealste am ganzen Film; Bella gelingt der Sprung in die Freiheit schlussendlich immer.

Poor Things, jetzt im Kino