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Leben Frauen gesünder?

Frauen gelten landläufig als das gesundheitsbewusstere Geschlecht. Sie scheinen sich und ihrem Körper mehr Sorge zu tragen. Soweit das Klischee. Doch was sagen die Zahlen?

Fürsorglichkeit ist immer noch stark weiblich besetzt, und zwar nicht nur in der subjektiven Wahrnehmung. Der Duden schlägt als Synonym für Fürsorge «Bemutterung» vor. Entsprechend soll auch die Selbstfürsorge (Neudeutsch: Selfcare) bei Frauen ausgeprägter sein, beispielsweise wenn es um gesunde Ernährung geht.

Diese Vorstellung widerspiegelt sich auch in medialen Bilderwelten. Die Werbung erinnert uns jeden Sommer aufs Neue an die Rollenverteilung beim Grillieren: Mann steht mit einer Bierflasche in der Hand am Grill und wendet die Würstchen und Spareribs, im Hintergrund stellt Frau eine Salatschüssel auf den gedeckten Tisch. Den Frauen reicht auch mal ein Vegiplätzli oder ein grillierter Maiskolben, Männer «brauchen» ihr Stück Fleisch. Dieses Verhalten beruht nur bedingt auf unterschiedlichen biologischen Bedürfnissen. Vielmehr wird auch heute noch in westlichen Kulturkreisen durch Fleischessen Männlichkeit hergestellt und durch Salatessen Weiblichkeit. Auf die Schippe genommen wurde diese soziale Norm vor einiger Zeit vom Internetphänomen #womanlaughingalonewithsalad, welches die stereotype Darstellung fröhlicher salatessender Frauen in Stockfotografien hinterfragte.

Aber finden sich diese Bilder tatsächlich in den Zahlen wieder? Mit der «Migros Health» Umfrage untersuchte das Forschungsinstitut Sotomo im Auftrag der Migros im Februar 2022, wie gesund die Schweizerinnen und Schweizer tatsächlich leben. Die Studie zeigt zwar: Männer essen mehr Fleisch, Frauen mehr Früchte und Beeren. Die alte Legende von jagenden Männern und Beeren sammelnden Frauen prägt also noch immer unser Essverhalten. Allerdings gilt dies nicht für alle Altersgruppen, das Klischee bestätigt sich nur bei den älteren Semestern.

Zwar essen Männer bereits in jungen Jahren mehr Fleisch und trinken mehr Alkohol. Das heisst aber noch nicht, dass sich das weibliche Geschlecht gesünder ernährt: Junge Frauen essen nämlich massiv mehr Zucker und dadurch insgesamt ähnlich viele ungesunde Lebensmittel wie junge Männer. Gleichzeitig nehmen sie eher weniger gesunde Lebensmittel wie Früchte, Gemüse oder Nüsse zu sich. Erst ab 25 beginnt das weibliche Geschlecht, sich gesünder zu ernähren. Mit zunehmendem Alter wird der ernährungstechnische Gendergap immer deutlicher: Frauen ab 65 essen mehr Gesundes und deutlich weniger Ungesundes als alte Männer.

Unbenannt

Konsumierte gesunde und ungesunde Lebensmittel – nach Alter und Geschlecht
(«Wovon haben Sie gestern mindestens die angegebenen Mengen gegessen/getrunken?»)

Die nackten Zahlen bestätigen also das Bild des Mannes mit Bier in der einen und Wurst in der anderen Hand. Sie zeigen aber auch, dass Mann gerade in jungen Jahren noch beherzter beim Salat zugreift als Frau. Diese setzt zwar öfters auf Fleischalternativen, gönnt sich aber eher mal nachmittags ein Stück Kuchen.

Berücksichtigt man neben der Ernährung das gesamte Spektrum eines gesunden Lebensstils so zeigt sich: es gibt keinen allgemeinen Gendergap. Frauen ernähren sich über alle Alterskategorien hinweg etwas gesünder und profitieren von guten Sozialkontakten in Form von persönlichen Gesprächen und Umarmungen. Männer haben dafür mehr Sex, schlafen besser und sind weniger gestresst.

Die Zahlen machen es deutlich: Frauen und Männer leben anders, aber das Klischee der deutlich gesundheitsbewussteren Frauen stimmt so nicht.

Anna John ist Social Researcher bei Sotomo