Ich blicke auf einen wunderbaren und unvergesslichen Fussballsommer zurück. Voller Vorfreude hatte ich der Heimeuro in diesem Sommer entgegengefiebert und vor langem beschlossen, im Sommer 2025 nicht in die Ferien zu fahren. Dafür kaufte ich mir Tickets für zehn Spiele in verschiedenen Schweizer Städten. Dass es ein grosses Ereignis werden würde, war mir klar – doch dass es so gross sein würde, mit Fanmärschen von 25'000 Menschen, hätte ich mir nie zu träumen gewagt. Es ist beeindruckend, dass das Schweizer Team trotz schwieriger Ausgangslage im ganzen Land eine solche Euphorie ausgelöst hat. Noch zwei Wochen vor Beginn der EURO stand das Team massiv in der Kritik, da es in einem Testspiel gegen ein U-15-Männer-Team verloren hat. Umso schöner, konnten die Spielerinnen am Turnier allen zeigen, was in ihnen steckt.
Fussball – Blog
Wie der Frauenfussball Geschichte schrieb
Noch nie waren an einem Spiel der Schweizer Nati in der Schweiz so viele Zuschauer*innen.
Das Eröffnungsspiel fand im ausverkauften St. Jakobs-Park in meiner Heimatstadt Basel statt. Noch nie waren an einem Spiel der Schweizer Nati in der Schweiz so viele Zuschauer*innen zugegen: 34'063 Menschen verfolgten, wie das Team von Pia Sundhage sein Herz auf dem Platz liess und unermüdlich um einen Sieg kämpfte. Als Nadine Riesen in der 27. Minute das erste Tor erzielt, brechen im Stadion alle Dämme. Leider reichte es knapp nicht für einen Sieg, die Atmosphäre war trotzdem grossartig. Das Team wurde von dieser einzigartigen Stimmung getragen, die die Spielerinnen im Nationalteam wohl so noch nie erleben durften. Genau das machte mich und viele andere so emotional: Was diese Spielerinnen wohl alles erlebt haben auf ihrem Weg hierhin? Wie viele Kämpfe auf und neben dem Platz sie führen mussten?
Beim nächsten Gruppenspiel hat die Schweiz geliefert: der 2:0 Sieg im Berner Wankdorf wird mir in guter Erinnerung bleiben. Der vorangegangene Fanmarsch mit 14'000 Menschen stellte einen neuen Rekord auf, der kurz darauf bereits wieder gebrochen wurde.
Während der ganzen EM war es schön zu sehen, wie Kinder heute ganz selbstverständlich damit aufwachsen, Fussballerinnen spielen zu sehen. Das war in meiner Kindheit noch anders. Endlich haben auch fussballspielende Mädchen Vorbilder. Das kannten auch die heutigen Spielerinnen noch nicht, sie selbst hatten noch vorwiegend männliche Idole.
Die Stimmung beim dritten Gruppenspiel der Schweiz in Genf war wieder unbeschreiblich. Es glich einer emotionalen Achterbahnfahrt, denn für den historischen Einzug ins Viertelfinale benötigte das Team ein Unentschieden. Kurz vor Spielende führte Finnland 1:0. Doch der eingewechselten Riola Xhemaili gelang in der 92. Minute ein Ausgleichstreffer. Das Stadion bebte. Die Schweizer Frauennati schrieb Geschichte und stand erstmals in einem EURO-Viertelfinale.
Von da an war die ganze Schweiz euphorisiert. Am Tag des Viertelfinals erstrahlte das ganze Stadion in Rot. Der Fanmarsch übertraf mit 25'000 Menschen, die vom Bundeshausplatz bis ins Stadion Wankdorf zogen, den vorherigen Rekord – ein Meer aus Rot und Weiss, wie es die Schweiz noch nie erlebt hatte. Das Team verteidigte ihr Tor ganze 66 Minuten lang leidenschaftlich. Am Ende stand es aber dann 0:2 gegen die Spanierinnen, eine der grossen Favoritinnen des Turniers. Eindrücklich war, wie die Schweizer Fans ihr Team trotz EM-Aus feierten. Den Spielerinnen war die Enttäuschung deutlich anzusehen – und dennoch überwog der Stolz auf ihre starke Leistung.
Die Stadien sind so voll wie nie zuvor
Die EURO in der Schweiz brach einen Rekord nach dem anderen: 25'000 Menschen bei den Fanmärschen in Bern, 34'000 Zuschauer*innen im Basler Stadion, fast eine Million Menschen vor den Fernsehern – und Tausende, die das Viertelfinalspiel der Schweiz gegen Spanien live am Gurtenfestival verfolgten, wo erstmals ein Fussballspiel auf Grossleinwand gezeigt wurde. Beim Viertelfinal im St. Jakob-Park waren erstmals mehr Frauen (52%) als Männer im Stadion. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Turnier nachhaltig Wirkung zeigt: bessere Strukturen im Frauenfussball, mehr Anerkennung für die Spielerinnen – und dass die Begeisterung anhält. Auch die Schweizer Liga profitiert bereits. Zahlreiche Clubs melden Rekordzahlen beim Verkauf von Saisonkarten. Die YB-Frauen haben über 2'000 Abos abgesetzt – so viele wie nie zuvor. Auch die FCB-Frauen konnten ihre Saisonkartenverkäufe mehr als verdoppeln. Ein besonderes Highlight: Ihr Saisonauftakt Ende August fand erstmals im grossen St. Jakob-Park statt – mit 5'348 Zuschauer*innen und einem neuen Vereinsrekord. Klar ist: Frauenfussball ist gekommen, um zu bleiben!
Laura Schwab ist Autorin bei Geschlechtergerechter.
12.10.2025